Unser erster Rundgang durch das BIGZ fühlte sich nicht wie der Beginn eines Planungsprojekts an. Vielmehr erinnerte er an die Erkundung einer verlassenen Stadt. Zerbrochene Fenster. Graffiti. Der Geruch von Feuchtigkeit. Gewaltige historische Aufzüge. Verlassene Räume, die fast ein Jahrhundert Geschichte in sich trugen.
Damals ahnten wir noch nicht, dass genau dieser Rundgang den Auftakt zu einem Projekt markieren würde, das unser Verständnis von der Revitalisierung großer denkmalgeschützter Gebäude grundlegend verändern sollte.




Ein Gebäude. Drei Leben.
Nur wenige Menschen, die heute am BIGZ vorbeigehen, wissen, dass dieses Gebäude einst zu den modernsten staatlichen Druckereien Europas gehörte. Nach den Plänen des Architekten Dragiša Brašovan zwischen 1936 und 1940 errichtet, gilt das BIGZ als eines der bedeutendsten Bauwerke der jugoslawischen Moderne.
Sein Stahlbetonskelett und die außergewöhnlich flexible Grundstruktur, ursprünglich für industrielle Druckprozesse entwickelt, erwiesen sich fast neun Jahrzehnte später als größte Stärke des Gebäudes – und als entscheidende Voraussetzung für seine heutige Transformation.




Mit dem Ende der staatlichen Druckerei begann ein völlig neues Kapitel. Über mehr als zwei Jahrzehnte entwickelten sich die ehemaligen Produktionshallen zu Ateliers, Musikstudios, Galerien und Treffpunkten der alternativen Kulturszene Belgrads. Für viele Menschen war gerade dieses ungeplante, informelle Leben des Gebäudes ebenso prägend wie seine architektonische Bedeutung.
Die folgenden Fotografien stammen aus genau dieser Zeit – lange bevor wir Teil des Planungsteams wurden, das seine Rekonstruktion begleiten sollte.



Die Rekonstruktion des Gebäudes war nur der Anfang.
Die eigentliche Herausforderung waren die Menschen.
Wenn Architektur unterschiedliche Interessen vereinen muss
Auf den ersten Blick könnte man meinen, die größte Herausforderung dieses Projekts sei die Rekonstruktion eines fast neunzig Jahre alten Gebäudes gewesen. Sehr schnell wurde jedoch deutlich, dass die Architektur selbst nur einen Teil eines weitaus komplexeren Prozesses darstellte.
Die eigentliche Aufgabe bestand darin, die Interessen aller Projektbeteiligten miteinander in Einklang zu bringen.
Der Bauherr wollte das Gebäude möglichst schnell als modernen Business-Campus am Markt etablieren. Die Denkmalpflege bestand auf der Bewahrung seiner historischen Identität. Der Brandschutz ließ aufgrund des kulturellen Wertes keinerlei Ausnahmen zu. Gleichzeitig erwartete das ausführende Unternehmen belastbare Planungsentscheidungen innerhalb immer kürzer werdender Zeiträume, während zukünftige Mieter schrittweise in das Projekt einstiegen und neue funktionale Anforderungen formulierten.
Bei Projekten dieser Größenordnung bedeutet Architektur längst mehr als das Entwerfen von Räumen. Sie wird zum Prozess der Koordination unterschiedlicher Prioritäten, Verantwortlichkeiten und Erwartungen.
Jeder Beteiligte betrachtete dasselbe Gebäude aus einer vollkommen anderen Perspektive. Genau darin lag die eigentliche Komplexität dieses Projekts.
Ein Gebäude. Acht Perspektiven.
Bauherr
Ziel des Bauherrn war es, das historische Gebäude möglichst schnell in einen zeitgemäßen Business-Standort zu transformieren. Planung, Ausführung und Vermarktung an zukünftige Nutzer liefen nahezu parallel und verlangten von allen Beteiligten ein hohes Maß an Flexibilität.
Entwurfsarchitekten
Remorker Architects entwickelten als Entwurfsverfasser gemeinsam mit dem Bauherrn die zukünftige Nutzung des Gebäudes. Sie verantworteten die architektonische Leitidee, die Innenraumgestaltung und die gestalterische Identität des Projekts. Ihre Entwurfsentscheidungen bildeten die Grundlage für die weitere Planung und Koordination aller Fachdisziplinen.
Ausführendes Unternehmen
Vom Planungsteam wurden eindeutige und belastbare Lösungen innerhalb kürzester Zeit erwartet. Da die Bauarbeiten bereits liefen, mussten zahlreiche Entscheidungen deutlich schneller getroffen werden, als es bei Projekten dieser Komplexität üblich ist.
TGA-Fachplanung
Ursprünglich war das Projekt als klassisches Shell-&-Core-Konzept vorgesehen. Im Laufe der Planung entwickelte es sich jedoch zu einer parallelen Bearbeitung konkreter Mieterausbauten. Jede neue Nutzung erforderte Anpassungen der technischen Gebäudeausrüstung sowie eine erneute Abstimmung mit der Architektur.
Zukünftige Nutzer
Die späteren Mieter stiegen schrittweise in das Projekt ein – jeweils mit eigenen funktionalen Anforderungen und individuellen Raumkonzepten. Jede neue Nutzung beeinflusste bereits entwickelte Planungsentscheidungen.
Denkmalschutz
Für die Denkmalpflege stand die Authentizität des Gebäudes im Mittelpunkt. Fassaden, prägende Bauteile und die historische Identität sollten trotz neuer Nutzung erhalten bleiben.
Brandschutz
Für den vorbeugenden Brandschutz galten dieselben Anforderungen wie bei einem Neubau. Die Sicherheit zukünftiger Nutzer musste vollständig den geltenden Vorschriften entsprechen – auch dort, wo dies erhebliche Eingriffe in die bestehende Bausubstanz erforderte.
Unser Team
Unsere Aufgabe bestand nicht darin, die architektonische Idee zu entwickeln, sondern sie durch einen hochkomplexen Planungs- und Koordinationsprozess zur Realisierung zu führen. Gemeinsam mit unseren Projektpartnern entwickelten wir die Architektur als Antwort auf die Anforderungen des Bauherrn, der Entwurfsarchitekten, der Tragwerksplanung, der TGA-Fachplanung, der ausführenden Unternehmen, der Behörden und der zukünftigen Nutzer.
Bei Projekten dieser Komplexität wird Architektur zur gemeinsamen Sprache aller Beteiligten. Unsere Aufgabe bestand darin, unterschiedliche Interessen in eine technisch umsetzbare, fachlich koordinierte und langfristig tragfähige Lösung zu übersetzen.
Der größte Erfolg dieses Projekts bestand nicht darin, dass jede Seite alle ihre Ziele erreichte. Entscheidend war vielmehr, dass es gelang, trotz unterschiedlicher Interessen eine gemeinsame Lösung zu entwickeln und damit einem bedeutenden historischen Gebäude eine neue Zukunft zu ermöglichen.
Wenn Vergangenheit und Zukunft unterschiedliche Sprachen sprechen
Bei der Revitalisierung historischer Gebäude entsteht oft der Eindruck, dass alle Beteiligten dasselbe Ziel verfolgen – einem Bauwerk neues Leben zu geben. In der Praxis führen jedoch unterschiedliche Verantwortlichkeiten häufig zu völlig unterschiedlichen Lösungsansätzen.
Auf der einen Seite stand die Denkmalpflege mit dem klaren Auftrag, die Authentizität eines der bedeutendsten Bauwerke der modernen Architektur Serbiens zu bewahren. Fassaden, charakteristische Bauteile und räumliche Qualitäten bildeten einen wesentlichen Teil der Identität des Gebäudes und sollten erhalten bleiben.
Auf der anderen Seite standen die heutigen Brandschutzanforderungen. Ihre Aufgabe bestand nicht darin, Geschichte zu bewahren, sondern die Sicherheit der Menschen zu gewährleisten, die das Gebäude in den kommenden Jahrzehnten nutzen würden. Für die geltenden Vorschriften machte es keinen Unterschied, ob es sich um ein Kulturdenkmal oder um einen Neubau handelte – die Anforderungen mussten erfüllt werden.
Zwischen diesen beiden Welten gab es keine einfachen Antworten.
Die historischen Aufzüge, ein prägendes Element des Gebäudes, entsprachen nicht mehr den heutigen Anforderungen an Hochhäuser. Die charakteristischen Stahlbetondecken erreichten nicht die geforderte Feuerwiderstandsdauer. Zahlreiche Fenster mussten brandschutztechnisch ertüchtigt oder geschlossen werden, um eine Brandausbreitung zwischen den Geschossen zu verhindern. Selbst die Geschossbezeichnungen mussten angepasst werden, um die aktuellen gesetzlichen Vorgaben zu erfüllen.
Keine dieser Entscheidungen war ausschließlich architektonischer Natur. Jede einzelne bedeutete eine Abwägung zwischen dem Erhalt historischer Substanz und der Verantwortung gegenüber den zukünftigen Nutzern.
Gerade deshalb bedeutet die Revitalisierung eines historischen Gebäudes nicht, die Vergangenheit wiederherzustellen. Sie bedeutet, kulturelles Erbe und zeitgemäße Anforderungen so miteinander zu verbinden, dass der Charakter des Gebäudes erhalten bleibt und gleichzeitig eine neue Zukunft entstehen kann.
Wenn sich die Spielregeln während der Planung ändern
Zu Beginn war die Aufgabenstellung eindeutig. Das BIGZ wurde als klassisches Shell-&-Core-Projekt entwickelt – mit dem Ziel, zukünftigen Mietern maximale Flexibilität für ihren individuellen Innenausbau zu ermöglichen.
Mit dem Fortschreiten des Projekts änderte sich jedoch auch die Strategie des Bauherrn. Immer mehr zukünftige Nutzer wurden bereits während der laufenden Planung eingebunden und brachten konkrete funktionale Anforderungen in den Planungsprozess ein.
Von diesem Moment an war das Projekt nicht mehr dasselbe.
Aus einem Gebäude mit klar definierten Rahmenbedingungen wurde ein Projekt, das sich parallel zu den Bedürfnissen seiner zukünftigen Nutzer weiterentwickelte. Jede neue Büroeinheit, jedes Labor und jede zusätzliche Nutzung führte zu neuen Fragestellungen für Architektur, Tragwerksplanung, Gebäudetechnik und Brandschutz.
Entscheidungen, die einen Monat zuvor als abgeschlossen galten, mussten im nächsten Monat erneut überprüft werden. Die Anforderungen eines einzelnen Mieters konnten Anpassungen über mehrere Fachdisziplinen hinweg auslösen.
Spätestens an diesem Punkt wurde deutlich, dass die größte Herausforderung nicht in der Geschwindigkeit der Planung lag, sondern in der Fähigkeit, trotz permanenter Veränderungen ein konsistentes Gesamtkonzept zu bewahren.
Bei Projekten dieser Komplexität ist Flexibilität kein Sicherheitsnetz. Sie ist eine Grundvoraussetzung für den Projekterfolg.
Mit jeder entfernten Wand kam Neues zum Vorschein





Bei Neubauten geht der Planung in der Regel die Ausführung voraus. Bei der Revitalisierung von Bestandsgebäuden verhält es sich häufig genau umgekehrt – die Baustelle wird selbst Teil des Planungsprozesses.
Die Entkernung des BIGZ markierte nicht nur den Beginn der Bauarbeiten. Mit jeder entfernten Wand, jeder geöffneten Decke und jedem freigelegten Bauteil kamen neue Erkenntnisse über das Gebäude ans Licht, die sich oftmals nicht mit den Archivunterlagen deckten.
Konstruktive Details wichen von den ursprünglichen Plänen ab, frühere Umbauten offenbarten unerwartete Eingriffe, und hinter vielen Bauteilen verbargen sich Spuren nahezu eines Jahrhunderts Gebäudegeschichte.
Jede neue Erkenntnis konnte bereits getroffene Planungsentscheidungen verändern.
Planung und Ausführung waren damit keine aufeinanderfolgenden Projektphasen mehr. Sie wurden zu einem gemeinsamen Prozess, in dem die Baustelle kontinuierlich neue Informationen lieferte und das Planungsteam diese analysieren, bewerten und unmittelbar in die weitere Planung integrieren musste.
Bei der Revitalisierung historischer Gebäude plant man nicht nur das, was bekannt ist. Man plant auch das, was erst während des Projekts sichtbar wird.
BIM als gemeinsame Sprache des Projekts
Ein Projekt dieser Komplexität ohne eine konsequente BIM-Methodik zu steuern, wäre kaum möglich gewesen.
Architektur-, Tragwerks- und TGA-Modelle wurden parallel entwickelt und kontinuierlich miteinander koordiniert. Eine besondere Herausforderung bestand in der präzisen Modellierung der Bestandsstruktur, die sich nicht allein auf Archivunterlagen stützte, sondern fortlaufend durch neue Erkenntnisse aus der Entkernung des Gebäudes ergänzt wurde.
Als sich das Projekt von einem klassischen Shell-&-Core-Konzept hin zu einer parallelen Planung konkreter Mieterausbauten entwickelte, ermöglichte BIM, die Vielzahl an Planungsänderungen kontrolliert zu steuern und allen Beteiligten jederzeit eine gemeinsame, konsistente Planungsgrundlage bereitzustellen.
Bei Projekten dieser Größenordnung ist BIM weit mehr als ein digitales Gebäudemodell. Es wird zur gemeinsamen Sprache aller Planungsbeteiligten.


Was uns das BIGZ gelehrt hat
Bei großen Revitalisierungsprojekten richtet sich der Blick meist auf das fertige Gebäude. Fassaden, Innenräume und neue Nutzungen stehen im Mittelpunkt, während der Weg dorthin oft unsichtbar bleibt.
Das BIGZ hat uns gezeigt, dass die eigentliche Komplexität solcher Projekte nicht allein in ihrer Größe oder ihrem historischen Wert liegt. Sie entsteht dort, wo unterschiedliche Menschen, Fachdisziplinen und Verantwortlichkeiten zusammengeführt werden müssen.
Architektur bedeutet in solchen Projekten weit mehr als das Entwerfen von Räumen. Sie wird zum Prozess des Abwägens, Koordinierens und Entscheidens – mit dem Ziel, unterschiedliche Interessen in ein gemeinsames architektonisches Konzept zu übersetzen.
Der Erfolg einer Revitalisierung bemisst sich deshalb nicht allein an dem, was erhalten oder neu geschaffen wurde. Er zeigt sich darin, ob es gelingt, Geschichte, Gegenwart und Zukunft zu einem stimmigen Ganzen zu verbinden.