Ein einziger Blick auf das Grundstück genügte, um zu erkennen, wo die größte Herausforderung liegen würde. Eingebettet in die bewaldeten Hänge des Hohen Meißners wirkte das Grundstück auf den ersten Blick wie ein idealer Bauplatz. Tatsächlich verbarg sich dahinter jedoch ein Gelände mit einem gleichmäßigen Gefälle von nahezu 27 %. Was landschaftlich seinen besonderen Reiz ausmacht, stellte aus planerischer Sicht eine außergewöhnlich anspruchsvolle Ausgangssituation dar.

Auf einem solchen Grundstück beeinflusst jede Entscheidung alle weiteren. Die Lage der Garage bestimmt das Niveau des Erdgeschosses, das Erdgeschoss definiert die Freiräume, und diese prägen wiederum die spätere Wohnqualität.

Der Entwurf begann deshalb nicht mit einer Gebäudeskizze, sondern mit drei grundlegenden Fragen:

  • Wie lässt sich die Garage erschließen, ohne massive Eingriffe in den felsigen Hang vorzunehmen?
  • Wie kann ausreichend Privatheit geschaffen werden, ohne die Erschließung unnötig zu erschweren?
  • Wie entstehen ebene Außenbereiche auf einem Grundstück, das von Natur aus keine besitzt?

Blick vom Straßenraum auf das Grundstück

Blick vom Grundstück in die umgebende Landschaft

Die Bauherrschaft formulierte ein anspruchsvolles Raumprogramm – deutlich umfangreicher, als es für Einfamilienhäuser dieser Region üblich ist. Neben dem Wohnhaus sollten eine Doppelgarage, ein Gästebereich, ein Homeoffice, ein Fitnessraum, eine Sauna sowie ein Pool in das Grundstück integriert werden, ohne den natürlichen Charakter des Geländes zu verlieren.

Der erste Entwurf entwickelte sich unmittelbar aus der Topografie. Anstatt das Gelände zu verändern, entschieden wir uns dafür, ihm zu folgen. Das Gebäude wurde auf zwei Ebenen organisiert, die den natürlichen Geländeverlauf aufnehmen. Dadurch konnten Erdarbeiten deutlich reduziert und gleichzeitig eine direkte Verbindung zwischen Garage und Wohnbereich geschaffen werden.

Diese Grundorganisation rückte das Erdgeschoss möglichst nah an die Straße heran und legte früh die funktionale Gliederung des Hauses fest. Gleichzeitig entstand auf dem Dach des unteren Baukörpers die einzige wirklich ebene Freifläche des Grundstücks. Durch die orthogonale Anordnung des oberen Baukörpers auf dem parallel zur Straße verlaufenden Sockel entstanden zwei klar definierte Außenräume – Qualitäten, die das Grundstück ursprünglich nicht bot.

Die eigentlichen Wohnbereiche mit Fokus auf Komfort, Ausblick und Privatheit befinden sich auf der oberen Ebene. Im unteren Geschoss sind Garage, Eingangsbereich, Homeoffice, Fitnessraum und Gästebereich untergebracht. So entwickelte sich nicht nur die Architektur des Hauses, sondern gleichzeitig auch die Struktur seiner Außenräume.

Mit fortschreitender Planung wurden die Anforderungen der Bauherrschaft immer konkreter. Zusätzliche Funktionen kamen hinzu, das Raumprogramm wuchs, und die ursprüngliche Klarheit des Entwurfs begann zunehmend verloren zu gehen.

Irgendwann wurde deutlich, dass wir nicht länger einen guten Entwurf weiterentwickelten, sondern versuchten, eine Idee zu retten, die den neuen Anforderungen nicht mehr gerecht wurde.

Also trafen wir eine Entscheidung, die Architekten nur selten gern treffen: Wir begannen noch einmal von vorn.

Konzept 01 – Ein Haus, das sich zur Landschaft öffnet

Der erste neue Entwurf untersuchte die Möglichkeit, nahezu jeden Raum in direkten Bezug zur Landschaft zu setzen. Das Gebäude entwickelte sich in mehrere Richtungen und schuf eine Vielzahl unterschiedlicher Raumsequenzen und Außenräume. So entstand eine außergewöhnlich hohe räumliche Vielfalt – allerdings um den Preis einer deutlich komplexeren Gebäudestruktur.

Der Pool wurde als unmittelbare Erweiterung des Wohnbereichs verstanden. Innen- und Außenraum gingen fließend ineinander über, während sich von nahezu jedem Aufenthaltsraum weite Ausblicke in die Landschaft eröffneten.

Konzept 02 – Das kompakte Haus

Der zweite Ansatz verfolgte bewusst die gegenteilige Strategie. Was wäre, wenn das Gebäude maximal reduziert gedacht würde?

Eine kompakte Bauform mit klassischem Satteldach, parallel zur Straße ausgerichtet, minimierte sowohl die Baukosten als auch die notwendigen Eingriffe in den Hang. Gleichzeitig entstand hinter dem oberen Baukörper ein geschützter, introvertierter Außenraum.

Konzept 03 – Das Haus um den Innenhof

Erst im dritten Entwurf wurde deutlich, dass die eigentliche Herausforderung nicht in der Form des Hauses lag, sondern in der Organisation seiner Privatheit.

Der schließlich realisierte Entwurf zeichnet sich durch eine klare, reduzierte Architektursprache aus. Mittelpunkt des Hauses ist ein geschützter Innenhof mit Pool – genau jener private Außenraum, den sich die Bauherrschaft von Beginn an gewünscht hatte.

Die durchgehende Verglasung der oberen Ebene holt die Landschaft tief in das Gebäude hinein und lässt Innen- und Außenraum miteinander verschmelzen. Sämtliche Aufenthaltsräume orientieren sich zum Innenhof und bleiben gleichzeitig vor unerwünschten Einblicken geschützt. Durch die weitere Abstaffelung des Erdgeschosses konnte zudem die Garage tiefer in das Gelände integriert und ihre Erschließung deutlich verbessert werden.

Die Klarheit der Architektur, die Offenheit der Räume und die besondere Atmosphäre des geschützten Innenhofs waren letztlich die entscheidenden Gründe für die Wahl dieses Entwurfs.

Als die größten entwurflichen Herausforderungen gelöst schienen, trat eine neue Hürde in den Vordergrund. Der geltende Bebauungsplan aus den 1960er-Jahren sah ausschließlich Gebäude mit geneigten Dächern vor.

Nach intensiven Abstimmungen und einer fundierten Argumentation gegenüber den zuständigen Behörden konnte nachgewiesen werden, dass auch ein Flachdach den Charakter des Ortsbildes respektiert und sich selbstverständlich in seine Umgebung einfügt.

Die Genehmigung war weit mehr als ein formaler Verwaltungsakt. Sie bestätigte, dass zeitgemäße Architektur auch innerhalb bestehender Regelwerke möglich ist – vorausgesetzt, sie ist überzeugend begründet.

Erst in diesem Moment konnte aus einer Idee gebaute Architektur werden.